Samstag, 15. September 2012

Social Learning - Worüber reden wir eigentlich (nicht)?

Social Learning ist ein enorm wichtiges Thema. Es ist wichtig, darüber zu diskutieren und Visionen zu entwickeln, wie Lernen künftig gestaltet werden soll. Was mir aber gegen den Strich geht, ist die Einseitigkeit der Debatte und die gelegentliche Verwirrung der Begriffe.

Die Diskussion um Social Learning erinnert mich an die Verheißungen, mit denen um die Jahrtausendwende E-Learning gefeiert wurde. Nicht weniger als eine Revolution des Lernens versprach man sich damals und der Kater war fürchterlich. Was mir gelegentlich auch fehlt, ist eine kritische Distanz und Differenzierung. Was ist eigentlich gemeint, wenn man von Social Learning spricht. Und worüber reden wir nicht?

Oft herrscht Verwirrung, wo Transparenz erforderlich wäre

Wenn wir von Social Learning sprechen können sehr unterschiedliche Dinge gemeint sein. Es kann die Rede sein:
  • vom Lerngegenstand, wenn ein bestimmtes Sozialverhalten gelernt werden soll.
  • von einer didaktischen Methode, wenn kooperative Lernformen eingesetzt werden sollen.
  • von der Lernorganisation, wenn im sozialen Kontext gelernt werden soll.
  • vom Einsatz von Social Media, wenn die Erarbeitung und der Austausch mit Werkzeugen des Web 2.0 geleistet werden soll.
In dieser Hinsicht müssen wir für Klarheit sorgen. Darauf haben die Kunden von Weiterbildungsdienstleistern einen Anspruch.



Unternehmen wollen innovativ sein. Bei Social Media haben die deutschen Unternehmen lange gezögert und wurden dafür nicht wenig kritisiert und teils verspottet. Deshalb springen sie jetzt auf den Begriff Social Learning an. Weil sie Social Learning mit dem Hype um Social Media verknüpfen und nicht schon wieder einen innovativen Trend verpassen wollen.

Genau darin sehe ich aber das Risiko für eine erneute große Enttäuschung. Die Entwicklung des Social Web ist eine Erfolgsstory. Dieser Erfolg dürfte auch die Erwartungen der Unternehmen an Social Learning prägen. Können wir, kann Social Learning, diese Hoffnung der Unternehmen erfüllen?

Die Erfolgsgeschichte von Social Media ist in erster Linie die Geschichte einer technischen Innovation. Die Idee des Social Learning ist weder neu, noch können wir einen vergleichbaren Erfolg garantieren.

Die Euphorie verstellt den Blick auf offene Fragen

Social Learning, aus der Perspektive der Lernenden, wird als eigenständige Aneignung der Lerninhalte, mit eigener Schwerpunktsetzung nach persönlichen Bedürfnissen und Interessen beschrieben. Das leuchtet als erfolgsversprechend ein, solange eine ausreichend hohe Motivation vorhanden ist. Hohes Interesse, Erfolgsaussicht im Hinblick auf die Lernbemühungen und persönlicher Nutzen sind seit jeher Bedingung und Garantie für positive Lernerlebnisse. Was aber, wenn es nicht um persönliches Interesse geht sondern um Lernaufträge? Betriebliche Weiterbildung ist keine Frage von persönlichen Interessen. Reden wir über den CNC-Kurs, die Software-Schulung, neue Steuervorschriften. Alles Social? Und wo liegt der Nutzen?

Ein anderer Punkt ist der oft ins Spiel gebrachte unbeschränkte Zugang zu allen Informationen dieser Welt. Die Medien verschaffen uns diesen Zugang und wir sollen nun glauben, dass damit automatisch auch ein Lernen einherginge. Jedenfalls hört man das so von einigen Verfechtern des "neuen Lernens". Zugang zu Informationen bedeutet aber keineswegs Verstehen. Dazu gehört auch weiterhin das einordnen, verknüpfen, strukturieren und bewerten, kurz: die Informationen nutzbar machen für den eigenen Kontext. Können wir wirklich davon ausgehen, dass diese Form des eigenständigen Lernens der heutige Standard ist? Oder reden wir über eine kleine Elite und lassen die Mehrheit der Lernenden völlig außer Acht?

Wir kriegen ein Problem, wenn wir von einer Kultur des Teilens und der aktiven Beteiligung ausgehen

Nicht jeder ist ein Wissensteiler und die verbreitete Nutzung von Social Media heißt bei weitem nicht, dass nun alle hergehen und sich an der Erarbeitung neuen Wissens beteiligen. Im Gegenteil. Bradley Horowitz, Product Manager des GooglePlus-Projekts, spricht von 1% Creators, das sind Nutzer, die eine neue Gruppe starten und 10% Synthesizers, also Nutzer, die aktiv Inhalte erstellen. Alle übrigen Nutzer sind Konsumenten.

Kommen wir zu der Frage, warum Menschen ihr Wissen teilen. Nun, es geht in erster Linie um Aufmerksamkeit, Status und Selbstverwirklichung. Nach einer 2011 veröffentlichten Studie der New York Times sind es fünf Hauptziele, die uns zu Wissensteilern machen:

  • andere mit wertvollen und unterhaltsamen Inhalten begeistern.
  • nach außen mit einem positiven Image präsentieren.
  • zum Aufbau und zu Förderung von Beziehungen.
  • zur Selbstverwirklichung.
  • zur Verbreitung von Themen, Produkten und Marken.

Hierbei handelt es sich überwiegend um Ziele, die ausschließlich Extravertierte antreiben. Introvertierte wird man damit nicht hinter dem Ofen hervorlocken. Oft sind es aber gerade die hochkreativen Menschen, die zu dieser Kategorie gehören. Wie sollen sie motiviert werden?

Und wer sagt eigentlich, dass Lernen in der Community immer zu besseren Ergebnissen führt? In einer Studie mit dem seltsamen deutschen Titel: Wien wartet auf Dich, untersuchten Tom DeMarco und Timothy Lister 1999 die Arbeitsbedingungen von Programmierern. Es ging um die Frage, was die besten und die schlechtesten Programmierer ausmacht. Sie stellten fest, dass die besten Programmierer in Firmen arbeiteten, die ihren Mitarbeitern ein Maximum an Privatsphäre, persönlicher Freiheit und Entscheidungsspielraum zugestanden. Und nun?

Ich könnte die Beispiele noch ellenlang fortführen. Was ist beispielsweise mit Menschen in Beschäftigungsverhältnissen mit geringer Entscheidungskompetenz, Menschen mit Pflichtschulabschluss, Menschen mit geringer Vernetzung? Für sie kann Social Learning beziehungsweise die dafür erforderlichen Kompetenzen eine Barriere sein, die zur Lernabstinenz und Ausschluss führt.

Noch einmal: Ich halte Social Learning für ein enorm wichtiges Thema aber es geht mir darum, dass wir in der Euphorie die Balance nicht verlieren und wichtige Fragen einfach vergessen.

Update: Im aktuellen GMW-Tagungsband, Seite 280, berichtet Holger Rohland im Praxisreport "Akzeptanzunterschiede bei E-Learning-Szenarien?" über eine vergleichende Analyse zwischen einem kollaborativen und einem individuellen E-Learning-Szenario. Er kommt zu dem Fazit :
Trotzdem müssen die gewonnenen Angaben als Hinweis dafür angesehen werden, dass die Überbetonung des didaktischen Mehrwerts kollaborativer eLearning Szenarien gegenüber individuellem virtuellen Lernen – aus der gelegentlich gar auf eine Nichteignung individueller E-Learning-Szenarien geschlossen wird – so nicht haltbar ist.
Das Buch "Still" wurde in einem Kommentar empfohlen. Es hat den einseitigen Blick auf extravertierte Menschen zum Thema. Es ist eine sehr gut recherchierte Auseinandersetzung mit unserer Kultur des "Klapperns" und der "Dampfplauderei". Die Autorin, Susan Cain, plädiert dafür, sich gegen diesen Trend zu stellen und den Qualitäten der Introvertierten mehr Wertschätzung und Geltung einzuräumen.

Kommentare:

  1. Danke, das drückt auch meine Ansicht aus.

    Noch einen Literaturempfehlung, zum Thema: Susan Cain, Still ... http://www.amazon.de/Still-Bedeutung-Introvertierten-einer-lauten/dp/3570500845/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1347911728&sr=8-2

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  2. Oh ja, der Literaturempfehlung schließe ich mich an. Danke für den Hinweis. Ich mache ein Update und verlinke das Buch dort.

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  3. Vielen Dank für die Provokation: Es stimmt ja, dass das Lob des Sozialen Lernens fast immer leer und unbefriedigend klingt und auf (imaginäre) Lerneliten fixiert ist.

    Die Antworten lassen mich allerdings auch unbefriedigt zurück, deshalb hier ein paar ganz schnell (sorry) herausgehauene rück-antworten:

    - Immersion nicht nur in Information, sondern auch in Wissen (ja!), und das extreme Senken der Zugangsschwelle ändern sehr grundsätzlich die Struktur der Wissens-"Vermittlung". Wissen ist jetzt etwas, das man sich holen muss, nicht mehr etwas, das man bekommt. Das können nur Wenige, das stimmmt. Aber es ändert auch die herkömmlichen Formen der Wissensvermittlung: Sie funktionieren immer schlechter, erstens weil der Aggregatzustand des Wissens sich verändert, zweitens weil die Autorität des Systems als Ganzem verdampft. Wahr ist, dass wir so in eine Lücke geraten sind. Was es für die weniger Selbständigen braucht: Ökosysteme, Lernketten, viel Kontakt von Lernenden unterschidlichsten Niveaus. (So wie im alten System der Nachhilfeunterricht die grotesk scheiternde Schule am Leben hält, im Idealfall als solidarische Hilfe von MitschülerInnen. Nur eben jetzt nicht mehr als Reparatur, sondern als zentrale Funktion.)

    -- Niemand sagt, "dass diese Form des eigenständigen Lernens der heutige Standard ist". Es war auch nicht der gestrige Standard, und nicht der vorgestrige. Und Vor-Einordnen, Vor-Verknüpfen, Vor-Strukturieren und Vor-Bewerten durch mittelmäßig kompetente Instanzen, die dabei deutlich ihre eigenen Kompetenz überschreiten (das spüren auch die, die sonst wenig wissen!), hat mindestens soviel negative Wirkungen wie positive. Wo da die Autorität bleibt, die brillante Lehrperson als positive Ausnahme? Aber die gibts doch weiterhin! Gerade beim offenen sozialen Lernen! Jede/r wird sie erkennen und gern zuhören. Gute Strukturierung ist nicht weniger als früher eine sehr wertvolle Ressource. Im Idealfall gibt es jetzt viel mehr Angebote dafür.

    Und wer sagt eigentlich, dass Lernen in der Community immer zu besseren Ergebnissen führt? In einer Studie mit dem seltsamen deutschen Titel: Wien wartet auf Dich, untersuchten Tom DeMarco und Timothy Lister 1999 die Arbeitsbedingungen von Programmierern. Es ging um die Frage, was die besten und die schlechtesten Programmierer ausmacht. Sie stellten fest, dass die besten Programmierer in Firmen arbeiteten, die ihren Mitarbeitern ein Maximum an Privatsphäre, persönlicher Freiheit und Entscheidungsspielraum zugestanden. Und nun?

    - "Community" im Netz ist ja gar nicht Sozialbrei, sondern "Networked Individualism", das "Connected Me" (sagen Dew/Wellman gerade in ihrem neuen Buch). Und Lernen in einer Connected Me-Community führt immer zu besseren Ergebnissen: Diese Hypothese traue ich mich aufstellen. Problem: Wir haben bis jetzt ganz wenige Communities, die Lernprozesse ins Zentrum rücken, Bis jetzt ist das eher ein nebenbei-Effekt. Vorbild sind immer Web- und OS-Programmierer-Netzwerke, aber wie geht das im Mainstream?

    - Ja, Social Learning erfordert Kompetenzen, die Viele (noch) überfordern, aber wiederum: Asocial Learning mit den dafür erforderlichen Kompetenzen baut sehr viel größere Hürden auf. Und es führt permanent zu Lernabstinenz und Ausschluss.

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